IHK-Neujahrsempfang 2026
Make Europe Great Again!
Mut, Zuversicht und Tatkraft: Das forderte die Wirtschaft beim Jahresauftakt der IHK zu Lübeck.
Wer die Kosten und Herausforderungen der Wiedervereinigung, der Finanzkrise und der Coronapandemie bewältigt und weggesteckt hat, kann weiterhin einen Spitzenplatz in der Weltwirtschaft belegen. Voraussetzung ist die Bildung eines starken weiteren Pols neben den USA und China in einer zunehmend geopolitisch geprägten Welt, und der kann nur Europa sein. Mit diesem ermutigenden Aufbruchssignal für den Standort Deutschland und Europa von Professor Dr. Thomas Straubhaar ist die Wirtschaft im Hansebelt ins neue Jahr gestartet. „Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Wenn ich eins gelernt habe: Unternehmen können mit Unsicherheiten sehr gut leben“, sagte der Wirtschaftsexperte auf dem Neujahrsempfang.
Mehr als 1.100 Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen, Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Bundeswehr und öffentlichem Leben nahmen an der Veranstaltung in der Musik- und Kongresshalle teil. IHK-Präses Thomas Buhck sieht ebenso wie Straubhaar gute Chancen für die Wirtschaft im Hansebelt. „Es bedarf einer guten Portion Mut, Vertrauen und Besinnen auf die eigenen Stärken sowie des Glaubens an die Zukunft.“ Mut erwarte er vor allem von der Politik, wenn es darum gehe, den Reformstau in den Bereichen Innovationsfähigkeit, Rente, Pflege und Gesundheit abzubauen. „Die Wirtschaft braucht Verlässlichkeit bei den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, um wieder Vertrauen in den Standort und die Politik zu fassen.“





„Die Wirtschaft braucht Verlässlichkeit bei den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, um wieder Vertrauen in den Standort und die Politik zu fassen.“
– Thomas Buhck, Präses der IHK zu Lübeck
In seinem Vortrag „Deutschlands Rolle in einer sich verändernden Welt“ betonte der Ökonom Professor Dr. Thomas Straubhaar, dass die alten, von den Europäern aufgestellten Regeln in der internationalen Wirtschaft bald nicht mehr greifen würden. „Die Zeit des Multilateralismus ist vorbei“, so die schonungslose Analyse. Schon lange vor Präsident Donald Trump hätten die USA angefangen, sich von der alten Ordnung zu lösen. Protektionismus sei zwar schlechter als freier Handel, aber unter den Umständen habe Deutschland keine andere Wahl, als selbst zum Pol einer neuen geopolitischen Ordnung zu werden. Mit nur rund einem Prozent der Weltbevölkerung sei Deutschland zwar klein, aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke stehe das Land aber noch mit an der Spitze der Wirtschaftsnationen und könne zum Motor in einem starken Europa werden.
Vor allem von einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem „Musterschüler“ Polen und den baltischen Staaten erwarte Straubhaar positive Effekte für deutsche Unternehmen. Die einzige Antwort auf das US-Motto MAGA (Make America Great Again) sei daher „MEGA – Make Europe Great Again!“, sagte der Wissenschaftler unter Applaus der Zuhörer. Nach der Liveschalte ins ukrainische Kiew sagte IHKPräses Thomas Buhck, dass es einer Besinnung auf die eigenen Stärken sowie des Glaubens an die Zukunft bedürfe, um sich in der sich verändernden Welt zu behaupten. „In unserer Region sind wir extrem gut aufgestellt. Lassen Sie uns diese Position nutzen, lassen Sie uns mutig in die Zukunft investieren.“
Ministerpräsident Daniel Günther
"Wir kommen weiter voran, aber der Reformbedarf ist groß"
Auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther zeigte sich auf dem Neujahrsempfang der IHK zu Lübeck zuversichtlich, dass 2026 das „Jahr der Reformen“ werde. „Wir kommen weiter voran, aber der Reformbedarf ist groß. Die Menschen in unserem Land sind allerdings reformfreudiger, als viele von uns Politikern denken.“ Ihm sei bewusst, dass vieles schneller gehen müsse im Land, daher müsse die Politik über die von der IHK geforderten Änderungen hinaus die Planungen von Vorhaben beschleunigen. Zugleich appellierte er an die Bürgerinnen und Bürger, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Die Politik könne hier den Rahmen setzen, die Modernisierung sei aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, so Günther. Eine Delegationsreise nach Finnland und Estland habe ihm bestätigt, was Straubhaar sagte: Es gebe keinen Grund, sich kleinzureden. „Ich bin stolz darauf, wie diese beiden Länder auf uns schauen. Unser Weg zur Klimaneutralität, unser Tempo bei der Digitalisierung und unsere Datensouveränität sind auch dort positiv registriert worden.“
Reiner Perau, Deutsch-ukrainische IHK, Kiew
"Die ukrainischen Unternehmen passen sich der Situation an"
Unter großem Veränderungsdruck steht die Ukraine. Der russische Angriff zwingt das Land, mutig und entschlossen Innovationen voranzutreiben und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu verbessern. „Trotz vier Jahren Krieg und fehlender Heizenergie bei minus 15 Grad Celsius Außentemperatur sind die Ukrainer mit grimmiger Gelassenheit und Entschlossenheit ins neue Jahr gestartet“, sagte Reiner Perau, Geschäftsführer der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer in Kiew. In einer Live schalte betonte er, wie erstaunlich es sei, „dass sich Wirtschaft und Unternehmen gut schlagen. Bei Kriegsausbruch gab es viele Schäden in den Unternehmen, aber seit Sommer 2022 steigt das Wachstum. Das Geheimnis heißt Marktwirtschaft, die Unternehmen passen sich an die Gegebenheiten an.“ Ein weiterer bedeutender Faktor: „Not macht erfinderisch.“ Die Ukrainer setzten alle Hebel an, um die Produktion hochzufahren und verteidigungsfähig zu sein. Die beste Unterstützung für die Ukraine sei wirtschaftliche Aktivität.








Dafür seien allerdings verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen erforderlich. „Schließlich wollen wir auch in Zukunft vorn in der Welt mitspielen“, sagte IHK-Vicepräses Alexandra von Oven-Batsch. „Unsere Unternehmen leiden längst nicht mehr nur unter hohen Energiekosten, sondern ebenso unter sehr hohen Arbeitskosten und einer überbordenden Bürokratie.“ Sie forderte faire Spielregeln für Rechtssicherheit und Wettbewerb.
Um auf den Wachstumspfad zurückzukehren, „müssen wir die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft erhöhen. Innovative Unternehmen brauchen viel mehr Flexibilität, um auf Erfolge und Misserfolge zu reagieren. Leider sind die Regeln an unseren Kapital- und Arbeitsmärkten ebenso wie das Steuersystem wenig innovationsfreundlich“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Lars Schöning. Er forderte, die drei wesentlichen Innovationshindernisse – stark regulierte Kapitalmärkte, eingeschränkte Verlustverrechnung und einen wenig flexiblen Arbeitsmarkt – zu beseitigen. Mit Mut, Zuversicht und Tatkraft könne der Standort Deutschland zu alter Hochform auflaufen.
Fotos: Guido Kollmeier und Felix König