80 Jahre Schleswig-Holstein
INNOVATIVER HANSEBELT
Gemeinsam gewachsen
Unser Bundesland feiert im August 2026 mit großen Feierlichkeiten Geburtstag. Viele der 1946 gegründeten Unternehmen sind Politik und Verwaltung auf ihrem manchmal steinigen Weg bis heute gefolgt. Wiederaufbau und aktueller Wohlstand sind eng mit ihren Namen verbunden. Ein Blick auf fünf Unternehmen.
Schleswig-Holstein ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg: Lübeck und Kiel liegen in Trümmern, die Lebensverhältnisse sind in vielen Teilen der preußischen Provinz katastrophal. Der Jahresbericht der IHK zu Lübeck von 1946 liefert eine ungeschönte Analyse der wirtschaftlichen Lage: Schleswig-Holstein hatte mit 2,7 Millionen Menschen zwar die „stärkste Flüchtlingsbelegung in der britischen Zone“. Trotzdem mangelte es an qualifizierten Arbeitskräften, weil viele Kriegsgefangenen noch nicht zurückgekehrt waren. Gleichzeitig gab es gravierende Versorgungsschwierigkeiten bei Wohnraum, Lebensmitteln, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen sowie Kohleimporten aus dem Ruhrpott. Erschwerend hinzu kamen die Randlage des Landes zwischen den Meeren, die schlechte verkehrliche Erreichbarkeit und industrielle Demontagen durch die Alliierten.
Die Besatzer konnten sich „noch nicht entschließen, den deutschen Kaufmann auf den Auslandsmärkten wieder zuzulassen“ und den „alten regen Handelsverkehr mit dem Osten“ zu reaktivieren, beklagte die IHK in ihrem Jahresbericht. Der damalige IHK-Präses Hermann Eschenburg richtete einen Appell an die Mitgliedsunternehmen: „Unsere Wirtschaft muss vornehmlich aus sich heraus in zähem Lebenswille die Kraft zur Selbstbehauptung und zum Wiederaufbau schöpfen.“ Sein Plädoyer blieb nicht ohne Widerhall, erste politische Fortschritte wurden sichtbar: Der Provinziallandtag gab sich eine vorläufige Verfassung, erste Wahlen fanden statt. Und am 23. August 1946 erhielt Schleswig-Holstein von der britischen Militärregierung den Status eines Landes.
IN ZAHLEN
Jahre Schleswig-Holstein
IM AUGUST
1946
erhielt Schleswig-Holstein den Status eines Landes
Menschen zählte Schleswig-Holstein 1946
Aber woher bekam die regionale Wirtschaft „neuen Lebensatem“ eingehaucht, wie sich die IHK ausdrückte? Wir stellen fünf Unternehmen aus unserem IHK-Bezirk vor, die im selben Jahr wie das nördlichste Bundesland gegründet wurden.
Stöckel Söhne Metallwarenfabrik GmbH & Co. KG, Eutin
Die Geschwister Thilo und Felix Stöckel waren schon im Kindergarten stolz darauf, dass der Familie eine eigene Firma gehörte. Fast jeder in Eutin kennt die Stöckel Söhne Metallwarenfabrik und bis heute gehört ein Besuch zum Pflichtprogramm fast jeder Kitagruppe aus Eutin-Fissau. Dabei gibt es bei Stöckel zwar keine Eiscreme, aber viele Hilfsmittel zu dessen Verzehr. Das Premiumprodukt sind Eisportionierer, von denen es 20 Modelle in 23 Größen gibt. Außerdem stellt das Familienunternehmen in der vierten Generation Gastroartikel für den professionellen Gebrauch wie Eisportionierspülen, Eisbecher, Eishörnchenhalter, Serviettenspender und Warmhalteplatten her.
Daneben gibt es im Portfolio auch einen Falafel-Portionierer, der mit einem Design Award ausgezeichnet wurde und wie alle anderen Produkte weltweit vertrieben wird. „Legt man unsere große Bandbreite und Fertigungstiefe und unsere hochwertige Qualität zugrunde, sind wir wahrscheinlich der Weltmarktführer“, sagt Felix Stöckel, der mit seinem Bruder Thilo seit 2014 die Geschäfte führt.
Bei der genialen Geschäftsidee spielte wie so oft der Zufall eine Rolle. Großvater und Firmengründer Carl Stöckel bot in den 1920er-Jahren zunächst Büroklammern und Reißzwecken aus eigener Herstellung an. Ein Freund, der in die USA ausgewandert war, schwärmte vom dortigen ice-cream-Boom und den praktischen Portionierern. Mechanikermeister Stöckel entwickelte daraufhin erste Prototypen, die am Ende so begehrt waren, dass dessen Söhne ein Jahr nach Kriegsende die Produktion unter dem Dach einer neu gegründeten Firma in Eutin zusammenfassten.
Solides Wirtschaften und Kontinuität ziehen sich wie ein roter Faden durch die 80-jährige Unternehmenschronik. „Wenn das Geld im Dorf bleibt, ist es gut“: Diese alte Unternehmerweisheit leben die Stöckel-Brüder noch heute. „Wir vertrauen überwiegend regionalen Lieferanten, ihrer Verlässlichkeit und ihren langlebigen Vorprodukten“, sagt Wirtschaftsingenieur Felix Stöckel. Eine Abwanderung war nie ein Thema, das eigene Wachstum stetig, aber behutsam. Krise in der Gastronomie? „Ein Eis geht immer, es macht glücklich“, so der 39-jährige Mitinhaber. Und räumt am Ende noch mit einem hartnäckigen Gerücht auf: „Dass Eiskugeln immer kleiner werden, kann ich nicht bestätigen.“ Und Felix Stöckel muss es schließlich wissen.
„
Ein Eis geht immer, es macht glücklich.
– Felix Stöckel, Stöckel Söhne Metallwarenfabrik
Heide Raum und Farbe, Burg auf Fehmarn
Heinz Heide war Experte für Farben und Lacke und Einkäufer für Schiffsanstriche bei den Howaldtswerken-Deutsche Werft. Nach der weitgehenden Zerstörung der Werft durch alliierte Fliegerbomben fuhr der gebürtige Fehmaraner mit seiner Pferdekutsche regelmäßig nach Kiel zu seinen alten Lieferanten. In einem kleinen Hinterhofgeschäft „Farben-Heide“ in Burg rührte er die erstandenen Farben an und verkaufte sie. Nebenbei musste er sich als Versicherungsvertreter über Wasser halten.
1963 übernahm sein Sohn Jürgen mit gerade mal zwanzig Jahren den Laden, nachdem er eine Lehre zum Baustoffhändler gemacht hatte. Die Fertigstellung der Fehmarnsundbrücke im selben Jahr sorgte für einen Tourismus- und Bauboom auf der Insel. Das Sortiment von Heide Junior wuchs mit den Bedarfen für Ferienhäuser und -wohnungen, Hotels und Yachten. Bald gestalteten er und seine wachsende Zahl von Angestellten Wände und Böden für Wohn- und Nutzräume, beschafften Einrichtungsgegenstände und Raumdekor. Getreu dem Motto des Geschäftsinhabers: „Erst mal sehen, was sich machen lässt. Und dann machen, was sich sehen lässt.“
Weitere Meilensteine waren 1973 der Umzug an den Marktplatz von Burg in ein rotes Backsteinhaus und der Umbau und die Neugestaltung zu einem Fachgeschäft auf 450 Quadratmetern Fläche. Weil die Konkurrenz durch Baumärkte immer erdrückender wird, konzentriert sich das Team aus bis zu 14 Mitarbeitern heute auf vielfältige und zum Teil ausgefallene handwerkliche Dienstleistungen. Heide bietet neben Beratung und Service alle Gewerke aus einer Hand sowie zusätzlich Sanierungs- und Renovierungsarbeiten an. „Wir haben viele Stammkunden und beobachten den Markt sehr intensiv“, so der heutige Inhaber Jörg Heide.
Bis er das Fachgeschäft vor 22 Jahren von seinem Vater Jürgen übernahm, gab es allerdings eine mühsame Phase des Übergangs. Das nächste Mal könnte die Staffelübergabe an die nächste Generation stattdessen mit weniger Reibungsverlusten erfolgen. Denn der 56-Jährige hat bereits eine Wunschkandidatin mit den besten Referenzen: Tochter Laura wurde 2023 zur besten Raumausstatterin Deutschlands gekürt.
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Erst mal sehen, was sich machen lässt. Und dann machen, was sich sehen lässt.
– Jürgen Heide, Heide Raum und Farbe
Roden Landtechnik GmbH & Co. KG, Lensahn

Die Familie Heinrich war wie viele andere Bürger Hamburgs im Zweiten Weltkrieg ausgebombt worden. Der Vater Werner Heinrich, ein Lkw-Meister und Schlosser, suchte nach der Rückkehr aus norwegischer Gefangenschaft einen Neuanfang im ostholsteinischen Lensahn – in einer für den Ackerbau bekannten Region. Zunächst pachtete er die kleine Schlosserei Roden. Sohn Hanswerner wurde im Gründungsjahr des Betriebs für Landtechnik geboren. Der heute 79 Jahre alte langjährige Eigentümer erinnert sich noch gut an den Mangel der ersten Nachkriegszeit: „Als Ausgebombte erhielten wir keine finanzielle Unterstützung, wir ernährten uns viel von Zuckerrübensirup und ließen in der Dunkelheit häufig das Licht aus, um Strom zu sparen.“ Auch später sei das Leben wegen des Erwerbs vorher gemieteter Gebäude und des Zukaufs von benachbarten Grundstücken durch Entbehrung geprägt gewesen.
„Landtechnik ist ein Käufermarkt, wir können es aber nicht nur über den Preis“, stellt sein Sohn, der jetzige Inhaber Hauke Heinrich, fest. Stattdessen punkten er und seine 28 Mitarbeiter mit engen Lieferanten- und Kundenbeziehungen. „Der persönliche Kontakt und schneller Service – auch mal am Wochenende –, das sind unsere Stärken.“ Denn wenn zum Beispiel ein Mähdrescher länger ausfalle, gefährde das unter Umständen die gesamte Ernte mit ihrem kurzem Zeitfenster, erklärt Heinrich Junior, der 2004 operativ ins Unternehmen einstieg und 2010 vollhaftender Gesellschafter wurde.
Den rasch fortschreitenden Strukturwandel in ihrer Branche sehen Vater und Sohn Heinrich indes mit großer Sorge: Die Zahl der Landwirte und Landtechnikhändler schrumpfe stetig. Die größte Herausforderung sei es aber, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Dies klappe eigentlich nur noch über die Ausbildung.
Für Roden Landtechnik hat es sich bewährt, die Firma breit aufzustellen. So bietet das Unternehmen neben Landtechnik auch Gartentechnik für Privatkunden sowie Kommunaltechnik für gewerbliche Klienten, etwa Schneeräumfahrzeuge, an. Zusätzlich besetzt es Nischen: Bereits seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich der 49-jährige Wirtschaftsingenieur Hauke Heinrich mit Precision-Farming-Produkten und importierte als einer der Ersten satelliten-gesteuerte Lenksysteme aus den USA. Aktuell vertreibt der Landtechnikhändler eine Technik, die dem Landwirt ermöglicht, seine Felder mit Hilfe von GPS schnell und zuverlässig zu entwässern.

Autohaus Fritz Hensel, Kaltenkirchen

„Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern dagegen etwas länger“: Das war Fritz Hensels Lebensmotto und seine Leistungsbereitschaft stellte er gleich nach Kriegsende unter Beweis. Nach den Wirren des Krieges in Kaltenkirchen gestrandet, mietete der gelernte Schlosser und Maschinenbaumeister eine Nissenhütte und gründete seine Firma, aus der später das Autohaus entstand. In der kleinen Schmiede führte Hensel Schweißarbeiten durch, reparierte Nähmaschinen und baute Backöfen und Herde aus Blech für andere Flüchtlinge.
Als Material diente ihm verwertbarer Schrott, den die britischen Besatzer im benachbarten Moorkaten gesammelt hatten. Aus den Erlösen kaufte der umtriebige Gründer ein angrenzendes Grundstück und errichtete dort eines der ersten Wohnhäuser im Kreis Segeberg nach dem Krieg. Ab Anfang der 1950er-Jahre betrieb er auch die erste BP-Tankstelle in der Stadt und übernahm die Vertretung für die Automarken Lloyd und Borgward, die allerdings 1961 Insolvenz anmeldeten. Als Vertragshändler für Fiat und Hyundai in den folgenden 50 Jahren fühlte sich die Familie jedoch immer häufiger von den Fahrzeugherstellern gegängelt. Deshalb bieten die Hensels ihre Dienste seit 2012 als freie Werkstatt an. „Nur so kann man heute Geld verdienen“, betont Holger Hensel. Der heutige Inhaber leitet in dritter Generation das Autohaus.
„Wir verdienen unser Geld mit unserer Hände Arbeit in der Werkstatt, du brauchst keinen Schreibtisch“, hatte ihm sein Großvater versucht einzuschärfen. Heute verbringt der 59-jährige Geschäftsführer mehr Zeit im Büro, die Arbeit spielt sich aber weiterhin vornehmlich in der Werkstatt und in den Ausstellungsräumen ab. Denn heute ist der fünfköpfige Betrieb kein klassischer Autohändler mehr, sondern hat sich fast ganz auf die Wartung und Reparatur von Pkw spezialisiert. Die Werkstattauslastung habe sich trotzdem kaum verändert, so Hensel. Dabei käme dem Geschäft die heute längere Haltedauer von Automobilen zugute. Weitere Standbeine sind der Verkauf von Fahrrädern und die Restaurierung von Oldtimern. Traditionelle Unternehmensgrundsätze wie Fleiß, Bescheidenheit und Nähe zum Kunden werden nach wie vor großgeschrieben. Der „echte Norden“, mit dem Schleswig-Holstein in seiner Jubiläumskampagne wirbt, ist für Holger Hensel ganz klar Kaltenkirchen: „Hier bin ich geboren, hier lebe ich und hier wirke ich ehrenamtlich bei der Kfz-Innung und der Freiwilligen Feuerwehr mit.“
Hauschild Kälte-Klima-Elektrotechnik GmbH, Reinfeld

Auch am Anfang der Karriere von Erich Hauschild stand die Wiederaufarbeitung von scheinbar nutzlosen Dingen. Der Elektromeister recycelte nach Kriegsende halbwegs unversehrte Elektrogeräte und alte Leitungen aus beschädigten Gebäuden. Mit diesem Grundstock eröffnete er im Mai 1946 in Neumünster ein Einzelhandelsgeschäft für Elektro- und Haushaltsgeräte, zog kurze Zeit später nach Bad Oldesloe um und übernahm zusätzlich den Kundendienst des Bosch-Konzerns für Hausgeräte in Hamburg. Statt weiter reine Elektroinstallationsarbeiten durchzuführen, konzentrierte sich die Firma Hauschild bald auf Kälteanlagen. Die Kühlung von Fischen in Trawlern und anderen Lebensmitteln im Einzel- und Großhandel sowie von Medikamenten und Blutbanken belebte sich wieder und Erich Hauschild erkannte hier ein großes Potential für die Zukunft.
„In der Gewerbekälte gibt es keine Grenzen und der Kunde ist immer König“: Bei dem seit 2016 in Reinfeld ansässigen Dienstleister für Planung und Montage kälte- oder klimatechnischer Anlagen mit natürlichen Kältemitteln hatte diese Firmenphilosophie 40 Jahre lang Gültigkeit. Ob die Klimaanlage in Krankenhäusern oder der Strom im Tiefkühlraum einer Schlachterei ausfiel: Der Sohn und Nachfolger des Gründers, Bernd Hauschild, fuhr auch mal Heiligabend mit einem Monteur zum Notdienst raus.
Dem heutigen Nachwuchs, so beklagt der langjährige Inhaber, fehle es dagegen oft an der nötigen Motivation. Planungssicherheit sei noch fragiler geworden, hinzu komme die chronische Knappheit an Fachkräften. „Meinen beiden Söhnen wollte ich denselben familienfeindlichen Stress nicht mehr zumuten“, entschied Bernd Hauschild. Deshalb verkaufte der heute 70-Jährige sein Unternehmen mit 29 Mitarbeitern auf 6.500 Quadratmetern Firmengelände vor zweieinhalb Jahren an einen Wettbewerber, die bluu unit Gruppe. Sohn Stefan ist allerdings als Serviceleiter im ehemaligen Familienbetrieb geblieben, sein Bruder Christian betreut inzwischen das digitale Abrechnungsprogramm von bluu unit.
Autor: Dr. Jörn Arfs · freier Journalist · redaktion@luebeck.ihk.de

Wirtschaft im Hansebelt – Das Magazin der IHK zu Lübeck
Ausgabe August / September 2026
