Interview
Titelthema Transport und Logistik
„Die Ostsee heute ein völlig anderer Wirtschafts- und Verkehrsraum als noch vor wenigen Jahren“
Interview mit Professor Dr. Sebastian Jürgens
Der Lübecker Hafen ist Deutschlands führender RoRo-Hafen an der Ostsee. Heute spielt er mehr als je zuvor eine zentrale Rolle für die nationale Versorgung, Wirtschaft und zunehmend auch an die militärische Mobilität. Im Interview berichtet Professor Dr. Sebastian Jürgens, Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft, welche Anforderungen die veränderte Weltlage an den Hafen stellt.

Professor Dr. Sebastian Jürgens ist Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft. Foto: LHG
Herr Professor Dr. Jürgens, wie ist die aktuelle Lage in den Ostseehäfen? Hat sich die Situation aufgrund der vielen globalen Unsicherheiten verändert?
Die vergangenen Krisen haben gezeigt, wie wichtig leistungsfähige Häfen für unsere Versorgung und Wirtschaft tatsächlich sind. Sie sind kritische Infrastrukturen für Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Resilienz und zunehmend auch für sicherheitspolitische Anforderungen. Die Corona-Pandemie, gestörte Lieferketten, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie geopolitische Spannungen haben die Bedeutung verlässlicher Transportkorridore deutlich erhöht. Für den Lübecker Hafen bedeutet das höhere Anforderungen an Flexibilität und Resilienz, eröffnet aber zugleich neue Chancen. Die Verkehre zwischen Deutschland, Schweden, Finnland und dem Baltikum haben sich als stabile und verlässliche Lieferketten erwiesen.
Noch entscheidender ist jedoch, dass sich die wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen im Ostseeraum grundlegend verändert haben. Mit dem weitgehenden Wegfall traditioneller Verkehrsbeziehungen nach Russland, den NATO-Beitritten Finnlands und Schwedens sowie der stärkeren Ausrichtung von Warenströmen auf EU- und NATO-Partner ist die Ostsee heute ein völlig anderer Wirtschafts- und Verkehrsraum als noch vor wenigen Jahren. Finnland ist im Güterverkehr stärker denn je auf leistungsfähige Verbindungen über die Ostsee angewiesen. Gleichzeitig haben die baltischen Staaten durch ihre strategische Lage, ihre wirtschaftliche Dynamik und ihre Bedeutung als Schnittstelle zwischen Nord- und Mitteleuropa erheblich an Gewicht gewonnen.
Was bedeutet das für den Lübecker Hafen?
In diesem veränderten Umfeld etabliert sich Lübeck als zentraler Logistik- und Intermodal-Hub für Verkehre zwischen Schweden, Finnland, dem Baltikum und Mitteleuropa. Der Hafen profitiert von seiner engen Anbindung an die Märkte des nördlichen und östlichen Ostseeraums sowie von seinem starken Schienen- und Intermodalnetz. Damit rücken auch Themen wie militärische Mobilität, Versorgungssicherheit und die Sicherheit von Verkehrswegen stärker in den Fokus. Der Ostseeraum ist wirtschaftlich, logistisch und sicherheitspolitisch wichtiger geworden, und leistungsfähige Hafen- und Hinterlandverbindungen sind heute ein zentraler Baustein für die Wettbewerbs- und Widerstandsfähigkeit Europas.
Laut Gutachten der IHK-Nord stehen Deutschlands Seehäfen vor gewaltigen finanziellen Herausforderungen. Inwiefern muss der Bund die Finanzierung der Seehäfen sichern?
Das aktuelle Rechtsgutachten ist ein wichtiger Impuls für die Debatte um die Finanzierung der deutschen Seehäfen. Es bestätigt eine Position, die wir als Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) seit Jahren vertreten: Eine deutlich stärkere Beteiligung des Bundes an der Finanzierung der Seehafeninfrastruktur ist bereits auf Grundlage des geltenden Verfassungsrechts möglich. Aus Sicht des ZDS geht es nicht mehr um die Frage, ob der Bund mehr Verantwortung übernehmen kann, sondern ob er bereit ist, dieser gerecht zu werden. Deutsche Seehäfen sind heute weit mehr als Infrastruktur an der Küste. Sie sind unverzichtbar für die Wirtschaft, die Energieversorgung, stabile Lieferketten und zunehmend auch für die Sicherheit unseres Landes.
Gleichzeitig besteht ein erhebliches Missverhältnis zwischen diesen Aufgaben und ihrer Finanzierung. Während der Investitionsbedarf der deutschen Seehäfen auf rund 15 Milliarden Euro geschätzt wird, belaufen sich die regulären Finanzhilfen des Bundes seit Jahren auf lediglich rund 38 Millionen Euro jährlich. Deshalb fordert der ZDS im Rahmen seines Zehn-Punkte-Plans für die Zukunft der Seehäfen eine verlässliche Grundfinanzierung durch den Bund in Höhe von 500 Millionen Euro pro Jahr, ergänzt um projektbezogene Investitionen für strategisch wichtige Vorhaben.
Für die Lübecker Hafen-Gesellschaft bedeutet das ganz konkret Investitionen in Infrastruktur, Schiene, Digitalisierung und Resilienz. Dazu zählen der Ausbau intermodaler Verkehre am Baltic Rail Gate, die Modernisierung von Hafenbahn, Umschlagsanlagen und Kaiflächen, der Schutz kritischer Infrastrukturen vor Cyberangriffen sowie Investitionen in Landstrom- und Energieinfrastruktur. Als zentraler Logistik- und Intermodal-Hub für Verkehre zwischen Deutschland, Schweden, Finnland und dem Baltikum muss der Lübecker Hafen kontinuierlich in seine Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit investieren.
Die geopolitischen Veränderungen im Ostseeraum haben die Bedeutung leistungsfähiger Hafen- und Hinterlandanbindungen zusätzlich erhöht. Mit der stärkeren Ausrichtung der Verkehre auf die Märkte in Schweden, Finnland und dem Baltikum sowie der gewachsenen sicherheitspolitischen Bedeutung der Ostsee rückt Lübeck als logistisches Drehkreuz noch stärker in den Fokus. Angesichts hybrider Bedrohungen, neuer Anforderungen an die militärische Mobilität und der Neuordnung europäischer Lieferketten gewinnen sichere und verlässliche Transportkorridore zunehmend an Bedeutung.
Wer von leistungsfähigen Häfen, stabilen Lieferketten und einer sicheren Energieversorgung profitiert, muss sich deshalb auch angemessen an ihrer Finanzierung beteiligen. Für mich ist klar: Deutsche Seehäfen sind nicht nur Infrastruktur der Küstenländer, sondern von nationalem Interesse. Ihre Finanzierung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und muss sich künftig auch in einer stärkeren finanziellen Beteiligung des Bundes widerspiegeln. Gerade für Standorte wie Lübeck sind diese Investitionen entscheidend, um die wachsende Rolle als zentrale Logistikdrehscheibe im Ostseeraum auch künftig erfüllen zu können.
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Deutsche Seehäfen sind nicht nur Infrastruktur der Küstenländer, sondern von nationalem Interesse. Ihre Finanzierung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe.
Prof. Dr. Sebastian Jürgens
Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft
Können Sie uns einen Überblick geben, was am Lübecker Hafen umgeschlagen werden?
Der Lübecker Hafen ist Deutschlands führender RoRo-Hafen an der Ostsee und auf Verkehre mit Schweden, Finnland und den baltischen Staaten spezialisiert. Zu den wichtigsten Gütergruppen zählen Trailer- und Lkw-Verkehre, Papier- und Zellstoffprodukte, Holz, Stahl, Konsumgüter sowie Maschinen, Fahrzeuge und Fahrzeugteile. Im Jahr 2025 wurden im Port of Lübeck rund 23,2 Millionen Tonnen Seegüter umgeschlagen, davon etwa 22 Millionen Tonnen an den Terminals der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG). Mit rund 1,1 Millionen abgefertigten Transporteinheiten und einem RoRo-Anteil von über 90 Prozent zählt Lübeck zu den wichtigsten Drehscheiben des europäischen Kurzstreckenseeverkehrs.

Mit rund 1,1 Millionen abgefertigten Transporteinheiten und einem RoRo-Anteil von über 90 Prozent zählt Lübeck zu den wichtigsten Drehscheiben des europäischen Kurzstreckenseeverkehrs. Foto: Guido Kollmeier
Auch im Passagierverkehr erwarten wir künftig höhere Anforderungen an die Infrastruktur. Im Jahr 2025 wurden an den LHG-Terminals rund 502.000 Passagiere abgefertigt. Durch die größeren RoPax-Neubauten von Finnlines und TT-Line können künftig deutlich mehr Passagiere, Fahrzeuge und Frachteinheiten pro Schiffsanlauf bewegt werden. Unabhängig von der tatsächlichen Entwicklung der Jahrespassagierzahlen müssen wir unsere Infrastruktur am Skandinavienkai deshalb auf höhere Verkehrsspitzen vorbereiten.
Gleichzeitig entwickeln wir die LHG zu einem Universalhafen weiter. Neben dem klassischen RoRo-Geschäft gewinnen Projektladungen, Windenergiekomponenten, Transformatoren sowie Stück-, Schwer- und Massengüter an Bedeutung. Auch der kontinuierlich wachsende Intermodalverkehr und die stärkere Vernetzung von Hafen und Schiene schaffen zusätzliche Nachfrage nach Umschlags- und Logistikleistungen. Unser Ziel ist es, das bewährte RoRo-Geschäft zu stärken und zugleich neue Geschäftsfelder zu erschließen, damit der Lübecker Hafen weiterhin eine zentrale Rolle im Ostseeraum und in europäischen Lieferketten spielt.
IN ZAHLEN
RUND
Seegüter wurden 2025 im Port of Lübeck umgeschlagen
RUND
Transporteinheiten wurden 2025 abgefertigt
ÜBER
beträgt der RoRo-Anteil
RUND
Passagiere wurden 2025 an den LHG-Terminals abgefertigt
Wird die kommende feste Fehmarnbelt-Querung neue Anforderungen an den Lübecker Hafen stellen?
Ja. Die feste Fehmarnbelt-Querung wird die Verkehrsströme zwischen Mitteleuropa und dem Ostseeraum nachhaltig verändern. Der Tunnel stärkt die Nord-Süd-Achse zwischen Deutschland und Skandinavien und verkürzt Transportzeiten deutlich. Wir gehen davon aus, dass sich einzelne Verkehre künftig teilweise vom Seeweg auf den Landkorridor verlagern werden, insbesondere in Richtung Schweden. Gleichzeitig bietet die Fehmarnbelt-Querung die Chance, Lübecks Rolle als zentrale Logistik- und Intermodaldrehscheibe zwischen Mitteleuropa, Schweden, Finnland und dem Baltikum weiter auszubauen. Deshalb investieren wir gezielt in intermodale Verkehre und den Ausbau unserer Infrastruktur. Die Kapazitäten des Baltic Rail Gate wurden bereits erweitert. Dort stehen heute sechs Gleise mit jeweils 740 Metern Länge zur Verfügung. Die positive Entwicklung im Intermodalverkehr bestätigt diesen Kurs. Während der Kombinierte Verkehr deutschlandweit unter Druck steht, konnte das Baltic Rail Gate zuletzt erneut Zuwächse verzeichnen. Insgesamt sehen wir die Fehmarnbelt-Querung als Chance. Sie wird die Verkehrsströme verändern, aber gleichzeitig die Rolle Lübecks als multimodale Drehscheibe im Ostseeraum stärken.
Der Lübecker Hafen ist auf dem Weg, ein „smart Port“ zu werden. Wie gelingt der Wandel dorthin?
Der Wandel zum Smart Port ist für die LHG längst gelebte Praxis. Unser Ziel ist es, den Hafen effizienter, sicherer und nachhaltiger zu machen. Ein wichtiges Beispiel ist das EU-Projekt „Digital Green MoS“, mit dem wir am Skandinavienkai unter anderem die Verkehrssteuerung, die Digitalisierung der Schienenverkehre sowie die IT- und Sicherheitsinfrastruktur modernisiert haben. Darüber hinaus sind wir stolz darauf, Teil des 5G-Innovationsprojekts „Baltic Future Port“ zu sein. Dort erproben wir digitale Hafen- und Logistikprozesse unter realen Bedingungen. Entscheidend ist für uns nicht das Testen um des Testens willen. Am Ende kommt es darauf an, welche Lösungen im Hafenalltag tatsächlich einen Mehrwert schaffen. Künftig werden Technologien wie Künstliche Intelligenz, 5G und digitale Zwillinge eine immer wichtigere Rolle spielen. Sie helfen dabei, Verkehrsströme in Echtzeit zu steuern, Infrastruktur vorausschauend zu warten und Kapazitäten effizienter zu nutzen.
Gleichzeitig profitieren wir von unserem engen Netzwerk im Ostseeraum. Gerade Finnland und Estland nehmen bei Digitalisierung und Innovation vielfach eine Vorreiterrolle ein. Von diesen Erfahrungen können wir profitieren und viele Entwicklungen gemeinsam vorantreiben. Smart Port ist für uns kein Selbstzweck. Digitalisierung ist ein wichtiger Baustein, um die Wettbewerbsfähigkeit des Lübecker Hafens langfristig zu sichern. Gerade für einen Hafen mit hohen Trailer-, RoRo- und Intermodalverkehren ist Digitalisierung ein entscheidender Faktor, um Wachstum, Effizienz und Qualität langfristig miteinander zu verbinden.
Interview: Benjamin Tietjen · IHK-Redaktion Lübeck · benjamin.tietjen@luebeck.ihk.de

Wirtschaft im Hansebelt – Das Magazin der IHK zu Lübeck
Ausgabe Oktober / November 2026
