INNOVATIVER HANSEBELT

Neue Konzepte im Einzelhandel

Shoppen, stöbern, Latte macchiato

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Ob Concept-Store oder Indoor-Flohmarkt: Im Hansebelt etablieren junge Unternehmerinnen und Unternehmer frische Handelskonzepte – und schaffen damit Orte, die Menschen zum Einkaufen und Verweilen gleichermaßen anlocken.

Hinter dem Tresen schäumt Melanie Leisten eine Kanne mit Milch auf. Für den perfekten Milchschaum steigt eine Wolke Dampf über den Ladentresen. Bestellt hat den Latte macchiato eine Kundin, die zwischenzeitlich durch das Geschäft stöbert. Bunt und sehr farbenfroh geht es zu in dem kleinen Laden in der Möllner Altstadt. In den Regalen warten ausgewählte Wohnaccessoires, Lifestyle- Produkte, Papeterie, Deko und kleine Entdeckungen, die man nicht überall findet. Viele Produkte leuchten in hellen Rot- und Fliedertönen, auch Statements und Eyecatcher in Neon sind dabei.

Melanie Leisten betreibt hier das tillda. Ein Café mit ausgewählten Lieblingsstücken, sagt sie. Tatsächlich vereint das tillda Café und Concept-Store: Neben dem gastronomischen Angebot gibt es liebevoll kuratierte Produkte, die einem bestimmten Thema oder Farbkonzept folgen und ein besonderes Einkaufs- und Genusserlebnis schaffen.

tillda in Mölln: Wohlfühlort mit Café und Einzelhandel

„Ich möchte einen Wohlfühlort schaffen, an dem sich Menschen gern aufhalten, sich austauschen und inspiriert fühlen. Mit dem Café und dem Einzelhandel gibt es zwei Anziehungspunkte, die sich gut ergänzen. Viele trinken einen Kaffee und lassen ihren Blick über das Sortiment schweifen“, sagt Leisten. Und fast alles aus dem tillda könne man auch gleich kaufen und mitnehmen. So auch die Gläser und Teller, in und auf denen Leisten Kaffee spezialitäten, selbst gemachte Kuchen und herzhafte Kleinigkeiten serviert. Das komme gut an.

Melanie Leisten hat 18 Jahre für den Spiegel-Verlag gearbeitet, zuletzt als Senior Design Lead. Während der Coronapandemie zog es sie raus aus der Großstadt Hamburg, sie wollte einen Neustart an einem kleineren Ort. In Mölln fand sie das optimale Umfeld, um ihre Ideen zu verwirklichen: zum einen ihr Label lokkedue, zum anderen das tillda. Außerdem habe in der kleinen Stadt bisher auch ein cooles Café für junge Leute gefehlt, meint sie. Aus Hamburg kenne sie Handelskonzepte, die zwei Bereiche erfolgreich miteinander verbänden, etwa eine Schuhboutique mit integriertem Weinhandel. „Ich glaube, diese Kombination ist langfristig erfolgreicher als ein herkömmliches Ladenkonzept. Die Menschen möchten heute beim Einkaufen etwas erleben, eine gute Zeit haben und sich wohlfühlen“, so die Gründerin.

tillda versteht sich als farbenfroher Kontrastpunkt zum Onlinehandel. Anstelle von stundenlangem Recherchieren wartet hier ein kuratiertes Sortiment voller kleiner Entdeckungen, modern, wechselnd und mit viel Gefühl ausgewählt. Wer nichts findet, findet trotzdem etwas: einen guten Kaffee, eine entspannte Atmosphäre und eine schöne Zeit.

Dies deckt sich mit der Aussage der IHK-Handelsreferentin Linda Osterloh: „Die Steigerung der Verweildauer durch eine verbesserte Aufenthaltsqualität und ein klar kuratiertes Angebot, das im Gegensatz zur omnipräsenten Warenverfügbarkeit des Onlinehandels steht und immer wieder aufs Neue einen Anlass zum Besuch vor Ort schafft, sind wichtige Stellschrauben für den stationären Einzelhandel“, so Osterloh

„Die Steigerung der Verweildauer durch eine verbesserte Aufenthaltsqualität und ein klar kuratiertes Angebot sind wichtige Stellschrauben für den Einzelhandel.“

– Linda Osterloh, IHK-Handelsreferentin

I AM Lübeck: Das Ladengeschäft als Anlaufpunkt für Familien

Auch Sarah Kuhnt und Kristina Gantman vereinen in ihrem Ladengeschäft in der Lübecker Hüxstraße ein liebevoll ausgewähltes Sortiment für Klein und Groß mit ausgewählten Kaffeespezialitäten. Unter dem Namen I.AM Lübeck bieten sie in ihrem bunten Laden eine Auswahl an Büchern, Spielen, Accessoires und Geschenkideen rund um das Familienleben.

„Unser Ladengeschäft ist auch ein Anlaufpunkt für Familien. Wir möchten den Austausch unter jungen Familien unterstützen, sie kompetent beraten und ihnen ein offenes Ohr bieten. Das ist uns wichtig“, sagt Sarah Kuhnt. Das Schaufenster ist geschmückt mit bunten Girlanden, Mützen sowie Kalendern und hochwertigen Spielen. Für die Laufkundschaft und die vielen Touristen, die durch die beliebte Einkaufsstraße schlendern, ein echter Hingucker.

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Kristina Gantman (links) und Sarah Kuhnt führen das Geschäft I.AM Lübeck.

Aber auch in dem Geschäft bieten die Inhaberinnen ein abgestimmtes Sortiment für junge Familien an. „Die Bücher dürfen gelesen werden, wir haben eine Spielecke und einen Wickelplatz“, so Gantman. Auch dürfen Mütter zum Stillen ins I.AM Lübeck kommen. „Wir haben beide eigene Kinder und kennen das unangenehme Gefühl, in der Stadt unterwegs zu sein und keinen Rückzugsort zum Wickeln oder Stillen zu finden. Deshalb bieten wir auch dafür einen Raum“, erzählt Gantman weiter. Sarah Kuhnt ist gelernte Kauffrau im Einzelhandel und hat lange in einer Lübecker Fairtrade-Kaffeerösterei gearbeitet, Kristina Gantman ist gelernte Steuerfachangestellte. Ihre Erfahrungen ergänzen sich hier gut, sagen die beiden Unternehmerinnen.

Beim Sortiment legen sie viel Wert auf nachhaltig produzierte Artikel und Produkte regionaler Anbieter, die auf recycelte Materialien setzen und soziale Projekte unterstützen. Gleichzeitig ist das Thema Achtsamkeit ein Schwerpunkt der Buchauswahl. „Wir haben eine große Auswahl an Büchern über Aufklärung und Rassismus, aber auch zu Paar- und Familienthemen. Auch Gesprächskarten zu diesen Themen sind derzeit sehr beliebt“, so Kuhnt. In naher Zukunft wollen sie I.AM Lübeck als sozialen Raum weiter ausbauen – mit guter Beratung und Kaffee aus der Siebträgermaschine.

Flohby Neustadt: Bequemer Service - Indoor-Flohmarkt boomt

Neue Impulse in den Einzelhandel bringt auch Pia-Justine Longe: Sie betreibt in Neustadt in Holstein den Indoor-Flohmarkt Flohby. Die Idee: Kundinnen und Kunden mieten ein Regal, befüllen es mit aussortierten Stücken und überlassen den Verkauf dem Flohby-Team. „Unsere Kunden können ihre Artikel selbst vorab online einpflegen und die Preise festlegen. Wir drucken dann Etiketten mit Barcodes aus. Anschließend richten sie die Regale und Vitrinen nach eigenen Vorstellungen ein“, sagt Longe. Das Konzept kommt an. An einem Donnerstag im Dezember kommen bereits mittags viele Menschen zum Stöbern in die umgebaute Scheune, die Pia- Justine Longe mit Lichterketten weihnachtlich geschmückt hat.

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Pia-Justine Longe betreibt in Neustadt in Holstein den Indoor-Flohmarkt Flohby.

Rund 230 Personen mieten bei Flohby aktuell eine Stellfläche an. Im November und Dezember waren alle Regale häufig tagelang ausgebucht. Das Erfolgsrezept liegt laut Longe in dem bequemen Service: „Die Leute müssen nicht stundenlang auf einem nasskalten Flohmarkt stehen und auch noch Preise verhandeln. Außerdem haben sie über eine App jederzeit im Blick, was und wie viel sie schon verkauft haben“, sagt sie und ergänzt mit einem Lächeln: „Das macht schnell süchtig.“ Für den Service zahlen die Kunden 18 Prozent Provision plus die Miete für das Regal. Für vier Wochen zum Beispiel 90 Euro. Die Kosten hätten die Kunden schnell wieder drin. Verkauft werde so gut wie alles. Spielsachen, Kinderkleidung und Schallplatten seien Beststeller, gefolgt von Winterjacken und Sommerkleidern, je nach Jahreszeit.

Am Standort Neustadt komme Longe auch die Nähe zur Lübecker Bucht zugute. Neben vielen einkaufenden Touristen gebe es auch Menschen, die während ihres Urlaubs gezielt verkauften. „Im Sommer kam ein Paar aus Berlin vorbei, die vier Wochen auf ihrem Boot in Grömitz verbringen. Auf der Hinfahrt haben sie ihren Kofferraum ausgeladen und ein ganzes Regal befüllt. Am Ende ihres Urlaubs hatten sie fast alles verkauft.“ Für die Verweildauer sorge auch das benachbarte Restaurant in der historischen Hoflanlage Marienhof. Auch das sei wichtig, um Kunden anzulocken. Pia-Justine Longe blickt optimistisch in die Zukunft. Der Schritt in die Selbstständigkeit habe gut funktioniert, sagt die junge Inhaberin, die zuvor bei Mercedes-Benz in Hamburg gearbeitet hatte. Aktuell sucht sie nach weiteren Flächen, um einen zweiten Standort aufzumachen. „Lübeck oder Kiel, das wäre toll“, sagt Longe.

Benjamin Tietjen, IHK-Redaktion Lübeck, benjamin.tietjen@luebeck.ihk.de
IHK/Tietjen