Know-how für den Ernstfall
Wie Hidden Champions die NATO stärken

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Wie Hidden Champions die NATO stärken
Know-how für den Ernstfall
Der Ukrainekrieg zwingt NATO und EU zum Ausbau ihrer Sicherheitsinfrastrukturen. Welchen Beitrag leisten dabei Unternehmen im Norden? Zwei starke Beispiele aus dem Hansebelt.
Von Dr. Jörn Arfs
Kein Kriegsfilm, sondern ein durchaus realistisches Szenario: Soldaten geraten bei einem Einsatz in einem abgelegenen Feindgebiet in einen Hinterhalt. Mehrere werden dabei schwer verletzt, ihre Atmung ist instabil und ihr Herz-Kreislauf-System droht zu kollabieren. Ihnen muss kontinuierlich Sauerstoff zugeführt werden, um den gefährlichen Mangel schnell zu beheben.
Eine solche Extremsituation erfordert qualifiziertes Personal, spezifische Medizintechnik und mobile Transportlösungen: Die Beatmungsgeräte sollten leicht, resistent gegen Staub, Fremdkörper und Feuchtigkeit, sehr benutzerfreundlich sein und eine lange Akkulaufzeit haben. Zudem müssen die Ausrüstungen für Beatmung, Atemwegssicherung, Giftgasabwehr und Überwachung der Verletzten sowie die Geräte für Sauerstoffzufuhr und eine mögliche Wiederbelebung kompakt und relativ leicht zu tragen sein. Und schließlich muss eine effiziente Notfallversorgung auch im Rettungsfahrzeug, beim Lufttransport oder im Feldhospital garantiert werden.
„Unser Produktportfolio ist auf die spezifischen Notwendigkeiten der Notfallmedizin ausgelegt. Wir bieten neben unseren MEDUMAT-Beatmungsgeräten ein komplettes Ökosystem an, das den Anforderungen an den harten Einsatz standhält“, sagt André Schulte, Geschäftsführer der Weinmann Emergency Medical Technology GmbH.
Beatmungsgeräte für Armeen, made in Henstedt-Ulzburg
Die Weinmann-Beatmungsgeräte haben spezielle Modi, die im zivilen Einsatz im Rettungsdienst weniger relevant sind. So können die Geräte zum Beispiel hochschädliche Stoffe aus einer kontaminierten Umgebungsluft herausfiltern. Außerdem können Displays im Nachtsichtmodus abgedunkelt und Alarme stummgeschaltet werden. Zum Einsatz kommen die Weinmann- Geräte in vielen NATO-Armeen, etwa in Deutschland, Frankreich und Schweden. Die Geräte werden nicht nur von den Sanitätsdiensten genutzt, sondern auch von Spezialeinsatzkräften. Sie finden Anwendung im Katastrophenschutz und dadurch in der immer wichtiger werdenden zivil-militärischen Zusammenarbeit.
André Schulte hat wie einige seiner Mitarbeiter zusätzlich eine Ausbildung zum Notfallsanitäter gemacht. Viele der 340 Beschäftigten in Henstedt-Ulzburg, Hamburg und an den anderen Standorten sind außerdem ehrenamtlich im Rettungsdienst, bei der Seelsorge oder der freiwilligen Feuerwehr tätig.

Verschärfte EU-Anforderungen
Schulte registriert in Deutschland heute ein allgemein größeres Bewusstsein für die Wichtigkeit einer raschen notfallmedizinischen Versorgung vor Ort sowie auch bei der Katastrophenhilfe. „Corona hat uns gezeigt, dass Versorgung und Zivilschutz schnell an ihre Grenzen kommen können. Zumal dann, wenn es keine gut organisierte zentrale Koordination gibt.“
Und der Ukrainekrieg habe den Blick auf neue Krisensituationen gerichtet, die andere Antworten verlangten. „Die Sicherung und Behandlung lebensbedrohlicher Funktionen ist im Notfall essenziell und muss schnell geschehen.“ Daher steige die Nachfrage der Sanitätsdienste von Armeen nach Beatmungsgeräten und weiteren notfallmedizinischen Produkten. Herausfordernd empfindet der 58-jährige Volkswirt die verschärften EU-Anforderungen der „Medical Device Regulation“ für die Zulassung medizinischer Produkte. Diese seien „ein unnötiges Mehr an Bürokratie und eine Bremse für die Einführung dringender technologischer Innovationen“.
Die KI könne dabei zukünftig für eine bessere Anwenderunterstützung sorgen und dem Personal Freiräume für die wirklich wichtigen Aufgaben am Patienten schaffen. Aber auch dafür müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, so André Schulte.
GABLER Maschinenbau: Hochtechnologische Mastsysteme für U-Boote
Ein anderer Hidden Champion aus dem Bereich Verteidigung und Sicherheit ist die GABLER Maschinenbau GmbH in Lübeck. Geschäftsführer David Schirm hat den traditionsreichen Anbieter von Marine- und Meerestechnik nach seinem Dienstantritt 2019 restrukturiert, die Kundenbasis erweitert, die Produktpalette durch gezielte Zukäufe und Beteiligungen von Digital- und Technologieunternehmen diversifiziert und damit die Gabler Group aufgebaut.
Kerngeschäft des 1962 gegründeten Maschinenbauers ist nach wie vor die Entwicklung und Herstellung hochtechnologischer Mastsysteme für U-Boote. Begonnen hat GABLER mit der Ausstattung aller konventionell angetriebenen deutschen U-Boot-Klassen der TKMS.

David Schirm. Geschäftsführer GABLER Maschinenbau GmbH
„Mit unserer über 60-jährigen Erfahrung aus der U-Boot-Technik und den Fähigkeiten unserer Gruppen-Unternehmen ermöglichen wir unseren Auftraggebern heute die erfolgreiche Erfüllung kritischer Unterwassermissionen. Die Gabler Group vernetzt die Unterwasserwelt, managt maritime Big Data und ermöglicht das unabhängige Agieren von Unterwasserplattformen durch spezifische Energiesysteme“, umreißt der 42-jährige CEO die Unternehmensphilosophie.
„Die Gabler Group ermöglicht das unabhängige Agieren von Unterwasserplattformen durch spezifische Energiesysteme.“
– David Schirm. Geschäftsführer GABLER Maschinenbau GmbH
Überwachung und Vernetzung der Ozeane
Damit sieht er die Gabler Group auch bestens aufgestellt für Themen wie „kritische Infrastruktur und Hafenschutz“. Schließlich seien 75 Prozent der Erde von Wasser bedeckt, etwa 90 Prozent der globalen Handelsströme gingen über See. Und strategisch werde die Überwachung und Vernetzung der Ozeane durch die Erschließung gewaltiger Rohstoffvorkommen immer wichtiger, so der studierte Wirtschaftsingenieur mit MBA-Abschluss. Neben Ausfahrgeräten und -technik für U-Boote entwickeln und produzieren mehr als 140 Beschäftigte bei GABLER Maschinenbau für die europäischen, NATO- und verbündeten Seestreitkräfte Komponenten wie Antriebs- und Steuerungssysteme, Kommunikationsbojen und Systeme für die Kommunikation aus der Tiefe. Die geschäftlichen Perspektiven sind gut: GABLER Maschinenbau hat einen großen Kundenstamm in über 30 Ländern – vor allem Marinen sowie staatliche und private Werften – und sieht sich mit dem Portfolio der Gabler Group für die Zukunft bestens aufgestellt.
