Dirk Schrödter
Digitalisierungsminister Schlewig-Holsteins
„Weltweit gibt es kaum Projekte dieser Größe“
Digitale Souveränität: Die Landesregierung nimmt auf dem Weg zur Datenhoheit eine Vorreiterrolle ein. Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter berichtet vom Umstieg auf Open Source und erzählt, wie Unternehmen durch digitale Souveränität ihr eigenes Handeln stärken können.
Warum ist digitale Souveränität derzeit so ein wichtiges Thema?
Die digitalen Systeme, die wir in unserer öffentlichen Verwaltung betreiben, sind zu kritischer Infrastruktur geworden. Uns muss bewusst sein: Digitale Souveränität ist Teil staatlicher Souveränität. Wenn wir die Kontrolle über unsere IT-Systeme verlieren, riskieren wir unsere politische und administrative Handlungsfähigkeit. Angesichts der geopolitischen Entwicklungen ist die unabhängige Kontrolle über unsere IT-Systeme essenziell, um innere und äußere Sicherheit zu gewährleisten und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu bewahren. Die Dominanz einiger weniger Technologieriesen in der öffentlichen Infrastruktur begrenzt unsere Gestaltungsmacht und Flexibilität, gefährdet unsere Sicherheit und treibt die Softwarekosten in die Höhe. Zudem ist die Rechtsgestaltung, zum Beispiel beim US Cloud Act so, dass wir zumindest unerwünschte Datenabflüsse nicht ausschließen können.
Dies gilt für die öffentlichen Verwaltungen in Europa, aber auch für Unternehmen. Sie sind ebenfalls abhängig von proprietären Lösungen einiger weniger Tech-Unternehmen. Damit besteht auch bei ihren Systemen eine technische sowie wirtschaftliche Bedrohung. Mit der derzeit eingesetzten proprietären Software ist digitale Souveränität nicht erreichbar – mit Open-Source-Lösungen wie Linux, LibreOffice, Open-Xchange, Nextcloud und Opentalk können und müssen wir sie erreichen.
Die Landesregierung hat sich bereits auf Open Source umgestellt. Wie ist das gelungen, wie der Stand?
Mit der Umsetzung unserer „Open Innovation und Open Source Strategie Schleswig-Holstein“ beschreiten wir als erstes Bundesland in Deutschland einen neuen Weg für die IT-Infrastruktur auf Landesebene. Digitale Souveränität ist die DNA unserer Strategie: Proprietäre Lösungen werden schrittweise durch Open-Source-Software ersetzt.
Auf diesem Weg haben wir bereits mehrere Meilensteine erreicht: Die Open-Source-Software LibreOffice ist nun der verbindliche Standard für Office-Anwendungen in den Ministerien und Behörden. In einem sechsmonatigen Migrationsprozess mit fast 44.000 Postfächern sowie fast 110 Millionen E-Mails und Kalendereinträgen hat unsere Landesverwaltung den Umstieg des E-Mail-Systems von Microsoft Exchange und Outlook auf die Open-Source-Lösungen Open-Xchange und Thunderbird abgeschlossen. Outlook spielt bei uns keine Rolle mehr.
Eine solche Umstellung ist keine Kleinigkeit. Wir sind echte Pioniere. Wir können nicht auf die Erfahrung anderer zurückgreifen – weltweit gibt es kaum ein vergleichbares Projekt dieser Größenordnung. Es gibt Bereiche, in denen der Umstieg schwieriger ist, etwa weil proprietäre Software tief mit speziellen Anwendungen der Verwaltung, den Fachverfahren und Anwendungen, verwoben ist. Das macht die Abhängigkeiten, aus denen wir uns befreien müssen, deutlich.
Übrigens: Ein ganzheitlicher Ansatz umfasst auch die Förderung der regionalen Digitalwirtschaft. Anstatt unsere IT-Mittel in Lizenzgebühren zu stecken, investieren wir in Entwicklungs- und Supportverträge. Wir sind davon überzeugt, dass öffentliche Verwaltungen Innovationstreiber beim Einsatz von Open Source und bei der Einführung offener Standards werden können. Wir haben einen DigitalHub.SH aufgebaut, der Vernetzungs- und Beratungsarbeit im privaten Sektor leistet und unser Landesprogramm Offene Innovation umsetzt. Wir unterstützen mit diesem Programm die Entwicklung von Open-Source-Lösungen, die konkrete Digitalisierungsherausforderungen adressieren.
Warum zögern aus Ihrer Sicht noch so viele Unternehmen beim Umstieg auf Open Source?
Ich nehme wahr, dass sich viele Unternehmen auf den Weg machen wollen. Sie sehen die Notwendigkeit und diskutieren, wie es gehen kann. Aber solche Schritte müssen gut vorbereitet werden. Als Land haben wir frühzeitig mit der Planung begonnen. Wenn also jetzt nicht flächendeckend umgestellt wird, ist das kein Indiz für Zurückhaltung. Aber, die Einführung bedeutet zunächst Investitionen und organisatorischen Aufwand, auch wenn sie sich langfristig auszahlt. In einem Umfeld mit vielfältigen Belastungen agieren viele Unternehmen daher vorsichtig.
Gleichzeitig wirken geopolitische Entwicklungen im staatlichen Kontext oft unmittelbarer als in der Wirtschaft. Während die öffentliche Hand schneller handeln muss, nähern sich Unternehmen dem Thema schrittweise. Dabei sehen wir durchaus Bewegung: Viele Firmen setzen sich bereits aktiv mit Open Source auseinander, etwa im Austausch mit dem Land oder über Angebote des DigitalHub.SH. Vor allem größere Firmen treiben das Management ihrer technologischen Abhängigkeiten gezielt voran. Der Mittelstand ist sensibilisiert und wird zunehmend aktiv. Denn die zugrunde liegende Herausforderung ist für alle gleich: Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern werden zu einem relevanten Risikofaktor und beeinflussen die eigene Verhandlungsposition.
Um den Umstieg zu erleichtern, braucht es konkrete Unterstützung. Hier setzen wir an, etwa durch Beratung und Angebote wie den Aufbau von Open Source Program Offices. Diese Aktivitäten bauen wir weiter aus, um Betrieben den Einstieg praxisnah zu ermöglichen.
„Wer auf offene Technologien setzt, reduziert seine Abhängigkeiten und erhöht die eigene Handlungsfähigkeit. “
Dirk Schrödter
Können Unternehmen den Weg zur digitalen Souveränität mitgestalten?
Ja, unbedingt. Einerseits können Unternehmen für sich digitale Souveränität unmittelbar durch ihr eigenes Handeln stärken. Wer auf offene Technologien setzt, reduziert seine Abhängigkeiten und erhöht die eigene Handlungsfähigkeit. Zudem gestalten sie den Markt aktiv mit: Durch Nachfrage und Einsatz offener Lösungen fördern sie tragfähige Angebote. Die technologischen Grundlagen sind bereits vorhanden, entscheidend ist ihre konsequente Nutzung. Sie werden aber mit ihrem Handeln auch Teil eines leistungsfähigen Open-Source-Ökosystems. Durch das Teilen von Erfahrungswissen und gemeinsamer Lösungsentwicklung tragen Unternehmen dazu bei, die digitale Souveränität das gesamten Staates zu stärken.
Open Source eröffnet neue Formen der Zusammenarbeit. Offene Innovation ermöglicht es Unternehmen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Innovationspotenziale zu heben. Gerade für den Mittelstand liegt hier eine Chance, Kräfte zu bündeln und wettbewerbsfähiger zu werden.