100
Jahre Günter Grass
Interview
Innovativer Hansebelt
„Wir planen ein Jubiläumsjahr für Lübeck, das international ausstrahlt“
2027 wäre Günter Grass 100 Jahre alt geworden. Das Günter Grass-Haus in Lübeck plant ein umfangreiches Jubiläumsjahr. Wie Unternehmen das Jubiläum unterstützen können und warum Grass‘ Werke auch heute noch hochaktuell sind, berichtet Museumsdirektor Dr. Jörg-Philipp Thomsa im Interview.
Im Jahr 2027 wäre der Schriftsteller Günter Grass 100 Jahre alt geworden. Welche Themen aus seinen Werken sind auch heute noch für unsere Gesellschaft relevant?
Günter Grass hat sich intensiv mit Fragen beschäftigt, die heute wieder oder weiterhin von großer Bedeutung sind. Er war einer der ersten deutschen Autoren, der das Thema Umweltschutz in seinen Romanen und in zahlreichen Reden aufgegriffen hat. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Themen wie dem Schutz der Demokratie, dem Kampf gegen Rechtsradikalismus, dem Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland oder der Meinungsfreiheit. Er war kein Autor, der im Elfenbeinturm saß, sondern einer, der Debatten entfachte und sich wortmächtig in gesellschaftliche Diskussionen einbrachte und dabei unbequem war. Gerade deshalb ist sein Werk heute noch interessant.

Foto aus dem Jahr 2012: der Nobelpreisträger Günter Grass bei einer Führung durch das Museum. Links neben ihm steht Museumsdirektor Dr. Jörg-Philipp Thomsa. Foto: Thorsten Wulff
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Er war kein Autor, der im Elfenbeinturm saß, sondern einer, der Debatten entfachte und sich wortmächtig in gesellschaftliche Diskussionen einbrachte und dabei unbequem war. Gerade deshalb ist sein Werk heute noch interessant.
Dr. Jörg-Philipp Thomsa
Museumsdirektor des Günter Grass-Hauses
In welchem Verhältnis stehen Kultur und Wirtschaft? Können sie sich gegenseitig Impulse geben?
Ja, das stelle ich immer wieder fest. Mir liegt immer viel an einem echten Austausch, von dem beide Seiten etwas haben. Im Kulturbereich stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen wie die Wirtschaft. Es gibt eine überbordende Bürokratie sowie finanzielle und personelle Engpässe. Meine Erfahrung ist, dass innovative und gute Projekte immer Geldgeber finden und dass kreative Ideen nichts kosten, mit denen man sehr viel erreichen kann. Gerade von unserer Kreativität und unseren Kontakten zu international bekannten Persönlichkeiten und Institutionen kann die Wirtschaft profitieren. Umgekehrt können Unternehmen mit ihrem unternehmerischen Denken und ihrer Bereitschaft, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, wichtige Impulse für die Kultur geben.
2027 feiern die Hansestadt Lübeck und die Kulturlandschaft „100 Jahre Günter Grass“. Was ist in dem Jubiläumsjahr geplant?
Wir planen ein Jubiläumsjahr für Lübeck, das international ausstrahlen wird. Im April eröffnen wir eine neue Dauerausstellung mit Grass’ Nobelpreisbibliothek mit rund 4.000 Bänden sowie zahlreichen Exponaten aus seinem Atelier in Behlendorf - von seinen Pfeifen bis zum plattgefahrenen Frosch, der ihn inspirierte. Diese Objekte werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Im Frühjahr eröffnet zudem die international bekannte Autorin Cornelia Funke den „Tintenfleck“, einen neuen Ausstellungs- und Begegnungsort unmittelbar neben dem Günter Grass-Haus. Dass mit Cornelia Funke eine Autorin von Weltrang aufgrund ihrer Bewunderung für Grass nach Lübeck kommt und hier einen neuen Kulturmagneten schafft, ist wirklich etwas ganz Besonderes. Das Thema kulturelle Bildung und insbesondere die Leseförderung liegen uns dabei sehr am Herzen. Der „Tintenfleck“ ist ein echtes Zukunftsprojekt. Die aktuellen, wirklich erschreckenden Ergebnisse der PISA-Studie oder zur Lesekompetenz junger Menschen zeigen, dass dies genau der richtige Weg ist. Wir wecken die Freude am Lesen und öffnen unser Haus stetig weiter für neue Zielgruppen.
Ein weiterer Höhepunkt ist die „Grass Nacht“ am 16. Oktober 2027, dem Geburtstag von Günter Grass. Wir planen dazu ein großes Stadtfest mit zahlreichen Akteuren, sodass Lübeck quasi selbst zur Bühne wird. Darüber hinaus wird es zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen im In- und Ausland geben, unter anderem in der Casa di Goethe in Rom, im Hans Christian Andersen Hus in Odense oder gemeinsam mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival in der Hamburger Elbphilharmonie mit einer Veranstaltung zur „Blechtrommel“.
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Im Kulturbereich stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen wie die Wirtschaft.
Dr. Jörg-Philipp Thomsa
Museumsdirektor des Günter Grass-Hauses
Wie können Unternehmen an dem Jubiläumsjahr mitwirken?
Wir freuen uns natürlich über mäzenatische Unterstützung. Noch wichtiger ist mir aber, dass Unternehmen auch ihre Ideen und Netzwerke einbringen. Wir wollen die Wirkung unserer kulturellen Aktivitäten für die gesamte Stadtgesellschaft vergrößern. Gerade in Zeiten, in denen gesellschaftlicher Zusammenhalt keine Selbstverständlichkeit mehr ist, kann Kultur ein wichtiger Kitt der Gesellschaft sein. Lübeck zeigt immer wieder, dass es gemeinsam besser geht. Ein schönes Beispiel ist die Unternehmerlegende Reinhold Würth, der Grass sehr schätzt und uns ein ganz besonderes Symbol für das Festjahr ermöglicht hat: einen Heißluftballon mit dem Buchcovermotiv der „Blechtrommel“. Der Ballon ist zugleich ein poetisches und ein politisches Zeichen. Denn Grass hat sich immer wieder eingemischt und auch wir müssen für unsere Demokratie weitertrommeln.

Aktion zum Jubiläum. Der Unternehmer Reinhold Würth ermöglicht 2027 einen Heißluftballon mit dem Buchcovermotiv der „Blechtrommel“. Foto: Günter Grass Haus
Exklusive Führung für Unternehmen
Sie möchten die Projekte zum Jubiläumsjahr kennenlernen und erfahren, welche Möglichkeiten es gibt, sich und das Unternehmen einzubringen? Das Günter Grass-Haus lädt Sie zu einer Führung und exklusiven Projektvorstellung ins Günter Grass-Haus ein. Museumsdirektor Dr. Jörg-Philipp Thomsa gibt Einblicke in die geplanten Vorhaben und freut sich auf einen Austausch über Ideen, Kontakte und Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Anmeldung unter:



Interview: Benjamin Tietjen · IHK-Redaktion Lübeck · benjamin.tietjen@luebeck.ihk.de

Wirtschaft im Hansebelt – Das Magazin der IHK zu Lübeck
Ausgabe Oktober / November 2026
